Donnerstag, 14. April 2011

Mittwoch, 13.04.2011: Kloß vom Ausmaß eines Sonnensystems

Ich hatte mir schon so lange vorgestellt, was ich sagen und wie er reagieren würde. Hatte mir vorgestellt, wie einfach alles enden würde – schließlich war es für mich ja schon lange vorbei. Ich konnte darüber reden, mit Kälte und Gleichgültigkeit in der Stimme, als wäre er nicht mehr als eine lästige Fliege, die einem um den Kopf schwirrt und die man mit einem Handschlag verscheuchte. Und ich bildete mir ein, auch nicht viel mehr für ihn zu empfinden. Sagte mir, meine Liebe hätte sich in Gleichgültigkeit und meinen Verletzlichkeit damit in Stärke gewandelt.
Doch dann saß ich neben ihm, auf der Bettkante und brachte kein Wort heraus. Es hätte genügt, wenn ich gesagt hätte: „Es ist aus!“ Die Worte waren noch da, doch es war als wäre die Zeit stehen geblieben. Ich zählte meine Atemzüge, während ich dicht neben ihm saß und meine Füße aneinander rieb. Eins, zwei – wir schwiegen – drei vier – Scheiße, warum stiegen mir die Tränen in die Augen? Warum, wenn er mir nichts mehr bedeutete? Ich zählte, verlor im Chaos meiner Gedanken den Überblick und begann absichtlich weiter hinten wieder zu zählen. Doch schließlich war es soweit: Ich hatte meinen dreißigsten Atemzug getan, nun würde ich meinen Mund öffnen und etwas sagen.
„Weißt du noch, als du mir gesagt hast, wenn wir einmal nicht mehr miteinander auskommen würden, dann müsste ich Schluss machen? Weil du das nie könntest?“
Mist, das hatte ich jetzt aber wieder nur gedacht.
Irgendwann – nach gefühlten fünf Stunden – fragte er mich, ob ich ein Eis wolle. Ein Eis? In so einer Situation? Aber er wusste ja nicht, wie es um mich und meine Gedanken – um uns stand. Schließlich hatte ich es immer noch nicht geschafft, meinen Mund zu öffnen und auch nur einen Ton herauszubringen, der nichts mit der plötzlichen Wetteränderung oder den Ferien zu tun hatte. Ich lehnte ab. Das Eis, seine Küsse. Und schließlich musste sogar er merken, dass etwas nicht stimmte, dass ich nicht ohne Grund so still war, so zurückhaltend. Er entspannte sich, sah mich an. „Also gut. Was ist los?“
Schweigen. Schweigen. Schweigen.
„Bist du sicher, dass alles okay ist, Ian?“
Nun war er es, der nicht wusste, was er sagen sollte.
„Hm. Es ist nur... Du weißt ja, wir sind jetzt schon so lange zusammen. Wir brauchen einfach mal ein bisschen was Anderes. Mal was Neues.“
Da waren Tränen in meinen Augen, ein Kloß von den Ausmaßen des gesamten Sonnensystems in meinem Hals. Ich würgte ihn hinunter und blinzelte meine Tränen weg.
„Okay. Das Problem ist nur: Ich weiß nicht, was du denkst. Weißt du noch, als du mir gesagt hast, wenn wir einmal nicht mehr miteinander auskommen würden, dann müsste ich Schluss machen? Weil du das nie könntest?“
„Ja, aber wieso?“
„Ich... hatte einfach solche Angst. Nach dem Telefonat und... Angst, du könntest nicht mehr mit mir zusammen sein wollen.“
Dammbruch. Schweigen. Dann sah er mich an, wie er mich noch nie angesehen hatte.
„Aber ich will mit dir zusammen sein.“
Und er meinte es ernst. Er meinte es so ernst, dass ich lachen musste.
Er muss nur einen Satz sagen, um alles wieder gut zu machen.

Mittwoch, 13. April 2011

Dienstag, 12.04.2011: Jetzt enden – oder noch zehn Jahre weiterlügen?

Scheiße!, denke ich und drücke - oder besser schlage - wieder auf den Ausschalter meines Weckers. Ich bleibe noch einige Sekunden liegen, genieße die Wärme und ermuntere mich dann mit der Aussicht auf eine heiße Dusche, aufzustehen. Gähnend ziehe ich mich hoch und setzte die Füße auf den Boden. Ein Atemzug, dann durchfährt es mich wie der sprichwörtliche Geistesblitz. Ich sehe alles noch vor mir:
Er steht nur ein paar Meter von mir entfernt und trägt einen schwarzen Anzug und eine grüne Krawatte, die ihm überraschend gut steht. Seine braunen Haare schimmern in der Sonne und seine Augen sprühen. Er ist so schön, und er sieht mich an. Einen Augenblick später sehe ich mich plötzlich auf ihn zu rennen, in einem hellen Sommerkleid, schaue uns zu, während ich lachend auf ihn zu renne und ihm um den Hals falle, wie er mich herumwirbelt. Es ist die Schlussszene eines kitschigen Liebesfilmes, in dem sie sich am Ende doch noch kriegen und auf einer Blumenwiese aufeinander zulaufen – nur, das wir die gewöhnlichen Steinplatten des Bürgersteigs unter unseren Füßen haben. Es ist alles so perfekt: Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, wir lachen uns an, die Liebe in den Augen, durch die er mich ansieht – mich allein. Aber es ist eben genau wie in einem Film. Dem außenstehenden Betrachter mag alles sehr authentisch erscheinen, doch in Wirklichkeit ist alles nur gespielt. Eine Lüge. Und während ich auf ihn zu renne und ihm um den Hals falle, weiß ich das. Ich weiß es so genau und trotzdem tue ich weiter so, als wäre alles echt, denn ich wünsche mir ja so sehr, dass es das noch wäre.
Wir sind auf dem Weg zum Waschsalon in dem Viertel meiner Stadt, in dem ich aufgewachsen bin. Als ich von hier weggezogen bin, war an dieser Stelle zwar noch ein anderes Geschäft, aber die kommen und gehen. Wie alles eben. Und zugegeben, es ist wirklich ein sehr merkwürdiger Waschsalon. Das Merkwürdigste ist aber, dass es keine Waschmaschinen gibt. Hinter der Theke stehen zwei Männer mit dunklen Haaren und gestreiften Hausfrauenschürzen, doch sie kümmern sich gar nicht um uns, und auch nicht um die anderen Kunden. Ein paar Männer fragen mich nach dem Weg zum Klo, ich zeige in die ausgeschilderte Richtung, aber ein Mann erwidert, dass dort nur die Damenstiletten seien. Ich zucke mit den Schultern und wende mich wieder den beiden Männern hinter dem Tresen zu. Schließlich müssen die ja wissen, wo das Klo ist, und außerdem will ich jetzt endlich die Ringe abholen. Hm, Toiletten gibt es hier nicht für Herren, nur Waschbecken, sagt der eine beschürzte Mann. Als ich mein zweites Anliegen vorbringe, breitet sich ein fettes Grinsen auf seinem Gesicht aus und er reicht unter die Theke. Er holt ein kleines schwarzes Samtkästchen hervor uns gibt es mir. Wir gehen wieder.
Dieses Mal gehen wir zu der besten Freundin meiner Mutter. Sie wohnt nicht weit vom Waschsalon und wir sind dort eingeladen. Der Tag ist immer noch genauso schön, aber plötzlich ist die Stimmung gedrückt. Ich schiele rüber zu ihm, aber er geht plötzlich granicht mehr so stolz in seinem Anzug, sieht auf den Boden. Auch später, als wir im Garten dieser Freundin sitzen, an einem Holztisch und auf einer Bank aus einem halben Baumstamm, spüre ich... das er nicht will. Er will mich nicht heiraten, er liebt mich nicht. Eine Welle der Enttäuschung durchfährt mich, doch dann muss ich mir eingestehen, dass es mir genauso geht. Ich weiß, dass ich ihn geliebt habe – sehr sogar – aber das kann ich nicht mehr. Ich habe ihm so oft etwas vorgespielt, mir sooft etwas vorgespielt, dass das Reale irgendwann zum Imaginären wurde. Ich würde so viel dafür geben, das wieder rückgängig zu machen, aber ich kann nicht, bin schon auf der Suche nach etwas Anderem. Ich sehe ihn auf der Bank sitzen, mit der schwarzen Samtdose in Händen, der Dose, die unsere Trauringe enthält und ich weißt, dass er mich nicht heiraten möchte, mich aber heiraten wird.
Ich stelle mir vor, wie wir in zehn Jahren nebeneinander sitzen, irgendwo. Ich, mit einer gestreiften Hausfrauenschürze um, glatt und brav geschniegelt – genau so normal und durchschnittlich wie ich es nie sein wollte. Und neben mir, Ian, immer noch genauso traurig, mit Ringen unter den Augen und einer Bierflasche in der Hand, schweigend, aber weniger bemüht, die Fassade aufrecht zu erhalten. Und es ist immer noch genau dasselbe Spiel. Nur dass ich mich inzwischen in diese Lüge meines Selbst verwandelt habe – ebenso, wie sich einst meines Liebe in eine Lüge verwandelte.

Samstag, 26. März 2011

Donnerstag, 24.03.2011: Birkensamen und Grashalme

Ich lächle und ich schreie.
Alle sehen das Lächeln, doch niemand hört meine Schreie, lautlos, denn da ist keine Luft. Keine Luft den Schall zu transportieren. Keine Luft zum Atmen.
Ich liege am Boden, ein Gefangener meiner selbst. Ich möchte meine Fesseln zerreißen, zerschneiden, zerbeißen und weglaufen. Aber ich kann die Fesseln nicht erreichen, um sie zu zu zerstören, denn sie halten mich zu fest. Es ist ein Teufelskreis. Ich kann ihm nicht entfliehen, ohne eine Veränderung, einen Einschnitt. Etwas oder jemanden der mir hilft.
Und so bleibt alles, wie es immer war, wie es immer sein wird. Ich liege hier, doch niemand sieht meine Fesseln, nur ich kann sie fühlen. Sie sehen auf mich herunter, sehen mein Lächeln und gehen beruhigt weiter, ohne zu bemerken, was in Wirklichkeit vor sich geht.
Und ich liege immer noch hier. Sehe sie von oben auf mich herunterschauen, sehe sie an mir vorbeiziehen. Manchmal legt sich einer zu mir, aber nicht für lang. Und alle stehen sie wieder auf, alle. Sie vergessen, wie es sich anfühlt, auf dem Boden, der kalten Erde zu liegen, sie vergessen die Hilflosigkeit und sie vergessen mich. Dann bin ich wieder allein mit mir selbst.
Und genieße es irgendwie. Denn wenn ich nichts tun kann, wenn ich atemlos bin, dann brauche ich niemanden, der mir sagt, er könnte mich verstehen, ohne überhaupt zu wissen, worum es geht. Ich nehme es hin, wie es ist, weil nichts anderes in meiner Macht steht.
Und ab und zu, wenn neben meinem Ohr ein neuer Grashalm aus dem Boden ploppt, oder ein Birkensamen auf meiner einsamen Nasenspitze landet, dann bilde ich mir ein, dass es etwas gibt, das mir die Macht gibt, etwas zu verändern, alles gut zu machen, endlich glücklich zu werden. Doch dann trampelt einer von ihnen auf den Grashalm, weht der Wind den Samen einem anderen zu. Und mit meinen Hoffnungsträgern, die eigentlich ja doch nichts hätten ändern können, schwindet auch die Hoffnung selbst...

Sonntag, 20. März 2011

Sonntag, 20.03.2011: Stell dir vor...

Stell dir vor, du lebst in der Zukunft, in einem anderen System. Es garantiert dir ein 80 Jahre langes, gesundes und harmonisches Leben. Aber dafür gibt es auch strenge Regeln, an die sich alle bedingungslos halten, ohne Fragen zu stellen. Du kommst immer pünktlich zur Schule, hast deine Hausaufgaben, bist immer freundlich, trägst genau die gleiche Kleidung wie alle anderen und befolgst alle Anweisungen. Stell dir vor, dein Leben ist komplett für dich durchgeplant, deine Entscheidungsmöglichkeiten sind – nun ja, sagen wir „begrenzt“. Dein Essen wird dir nach Hause geliefert, immer genau zu der festgelegten Uhrzeit. Morgens, mittags, abends. Genau die Menge an Essen und Nährstoffen, die du im Moment benötigst. Es ist nicht erlaubt, mit anderen zu teilen und Kuchen oder andere Leckerreien siehst du nur alle Jubeljahre. Stell dir vor, du treibst regelmäßig Sport, läufst ganz genauso lange und nicht schneller, als die Computerstimme dir sagt; immer auf einem Laufband, denn in der Öffentlichkeit ist es untersagt zu rennen. Stell dir vor, du hast keinen eigenen Besitz, abgesehen einmal von einem Artefakt, einem Erbstück, das sich Puderdose nennt. In deinen genau festgelegten Freizeitstunden spielst du mit den anderen in der Spielhalle, einem öffentlichen Treffpunkt, denn niemand darf das Haus einer anderen Familie betreten. Eine eigene Uhr hast du nicht und lesen könntest du sie sowieso nicht. Du misst die Zeit nicht, sie wird für dich gemessen und in Form von Lautsprechersignalen an dich und die anderen weitergegeben. Stell dir vor, nach Beginn der Sperrstunde verlässt keiner mehr das Haus. Stell dir vor, die Gesellschaft hat vor langer Zeit alle überflüssigen Dinge vernichtet und stell dir vor, es existieren nur noch die 100 wertvollsten Gedichte, Musikstücke, Geschichtslektionen und Gemälde. In der Schule lernst du nur, was du später auch wirklich brauchst, von den anderen Sachen hast du keine Ahnung. Du schreibst auf einem Schreibcomputer, einen Stift hast du noch nie gesehen und Schreibschrift ist dir ebenfalls unbekannt. Stell dir vor, du hast noch nie ein Bild mit echter Tusche gemalt. Stell dir vor, mit 17 Jahren wirst du deinen optimalen Partner zugeteilt bekommen und ihn kurz darauf kennen lernen, mit 21 werdet ihr heiraten und bis zum Alter von 31 Jahren die vorgegebene Zahl Kinder bekommen. Deine Arbeit wird dir nach deinen individuellen Stärken zugewiesen. Stell dir vor, mit 70 Jahren gehst du in den Ruhestand, um dann mit exakt 80 Jahren im Beisein deiner Verwandten und Freunde an deinem Geburtstag zu sterben. Vorher wird man dir eine Gewebeprobe entnehmen und sie aufbewahren, um dich später, wenn die Wissenschaft es ermöglicht hat, zu neuem Leben zu erwecken.

Ist das noch ein Leben?